Probekapitel

1. Auf Zugang

Mein Blick geht durch die Gitter. Dort draussen im Hof, sammeln Gestalten in blauer Gef├Ąngniskleidung M├╝ll auf. Ich schwinge mich vom Stockbett herunter. Giesse mir eine Tasse Tee ein. Trinke einen Schluck. Kippe den Rest in den Ausguss. Ich setze mich an den Tisch. Schaue wieder durch die Gitter. Zigarettenrauch steigt mir in die Nase. Im gegen├╝berliegenden Stockbett liegen zwei Polen, die regelm├Ąssig Rauchen. Dazwischen liegen sie da, einfach so. Alle Stunde wechseln sie ein Wort. Ich schwinge mich wieder aufs Stockbett. Da liegt mein Haftbefehl. Das einzige St├╝ck Papier, das ich habe. Das einzige, was ich zu lesen habe.

 

Amtsgericht Darmstadt
Mathildenplatz 12
64224 Darmstadt

Telefon: 06151 - 121
Telefax: 06151 - 126455

Aktenzeichen:          Nebenstelle:          Datum:
25 Gs 647/93             126527            25.08.1993

Haftbefehl

gegen die Beschuldigten
1. xxxxxxxxxxxxxxx  Bechstein,
geb. XX.09.1968 in Frankfurt/M.
wohnhaft Waltherstra├če 11, 64289 Darmstadt

2. Markus Euler
geb. 15.01.1968 in Darmstadt,
wohnhaft Br├╝sseler Weg 8, 64589 Stockstadt,

wird die Untersuchungshaft angeordnet.

Die Beschuldigten sind dringend verd├Ąchtig,
in Darmstadt und anderen Orten in der Zeit von zumindest
April bis August 1993
gemeinschaftlich und fortgesetzt handelnd in mindestens
12 F├Ąllen
fremde beweglich Sachen einem anderen in rechtswidriger Zueignungsabsicht weggenommen zu haben und zwar in einem besonders schweren Fall.

Die beiden Beschuldigten entwendeten gemeinschaftlichen vorweggefassten Tatentschlu├č entsprechend in mindestens 12 F├Ąllen in Darmstadt und anderen Orten PKW's, die sie gewaltsam aufbrachen.
Im einzelnen handelt es sich um folgenden F├Ąlle:

  1. PKW VW-Wohnmobil, amtl. Kennz.: MTK-xx 163
  2. PKW VW Golf, amtl. Kennz.: HD-xx 2175
  3. PKW VW, amtl. Kennz.: MA-xx 821
  4. PKW VW Golf GTI, amtl. Kennz.: FR-xx 257
  5. PKWVW Golf Cabriolet, amtl. Kennz.: DA-xx 961
  6. PKW VW, amtl. Kennz. LM-xx 231
  7. PKW BMW Cabrio 3er, amtl. Kennz.: HP-xx 300
  8. PKW VW Golf GTI, amtl. Kennz.: ohne
  9. PKW VW Golf, amtl. Kennz.: DA-xx 123
  10. PKW Renault R 19, amtl. Kennz.: VS-xx 715
  11. PKW VW-Wohnmobil, amtl. Kennz.: HD-xx 48
  12. PKW BMW 316, amtl. Kennz.: MZ-xx 7464

- Vergehen nach ┬ž┬ž 242, 243, 25 II StGB -.

Der dringende Tatverdacht ergibt sich aus den Angaben des Beschuldigten Bechstein sowie den bisherigen Ermittlungen der Kriminalpolizei.

Es besteht hier des Beschuldigten Bechstein der Haftgrund der Fluchtgefahr nach ┬ž 112 Absatz II Nr. 2 StPO, weil angesichts der Straferwartung in diesem Verfahren und den weiteren Verfahren 23 Js 17495/93 ist zu erwarten, da├č der Beschuldigte  sich dem Verfahren durch Flucht entziehen wird.


Hinsichtlich des Beschuldigten Euler besteht der Haftgrund der Flucht- und Verdunklungsgefahr. Es ist zu bef├╝rchten, da├č er sich angesichts der hohen Straferwartung dem Verfahren durch Flucht entzieht (┬ž 112 Abs. II Ziffer 1 StPO). Au├čerdem ist zu erwarten, da├č er Beweismittel vernichtet oder bei Seite schafft (┬ž 112 Abs. II Ziff. 3 StPO).

Eckhard
Richter am Amtsgericht

 

Ich sitze aufrecht im Schneidersitz. Ich kann mich nicht an die Wand anlehnen. Ich habe ein gestreiftes Sweatshirt an. Quergestreift. W├╝rde hier zum Gef├Ąngnis passen, wenn wir in einem alten amerikanischen Film w├Ąren. Aber wir sind in meinem Leben. Da passt es nicht. Es sind die Klamotten in denen ich festgenommen wurde. Jogginghose, Hausschuhe und eben dieses Sweatshirt. Sonst habe ich nichts zum Anziehen. Das ist zu wenig f├╝r die K├Ąlte. Das Fenster ist immer ein bisschen auf, weil die Polen dauernd rauchen. Aber zuviel, als das ich Anstaltskleidung bekommen k├Ânnte.

Drau├čen sind die Gestalten mit den blauen Anz├╝gen jetzt fertig. Der Hof ist nicht sauber. Aber es liegt zumindest kein M├╝ll mehr rum. Tauben fliegen umher. Ihr Gefieder ist schmutzig verklebt. An ihren H├Ąlsen sieht man bis auf die Haut. Fliegende Ratten.

Ich h├Âre wie T├╝ren aufgeschlossen werden. Ger├Ąuschvoll fallen sie wieder ins Schloss. Wenn ich meine Hand an die Wand lege, kann ich die Vibrationen sp├╝ren. Es zuckt in meinen Oberschenkeln jedes Mal, wenn so ein Schlag ankommt. Nur unsere T├╝r ├Âffnet sich nicht. Ich schaue auf meinen Haftbefehl. Hinter Blechstein ist ein Komma, hinter meinem Namen nicht. Ist noch Tee da? Ich atme gepresst und unregelm├Ą├čig. Warum steht der Blechstein ├╝berhaupt in einem Haftbefehl mit mir? Wer ist das ├╝berhaupt? Klar hab ich die Autos geklaut. Das hei├čt ein paar von denen. Aber wer ist der Blechstein? Warum steht VE da nicht drauf?

Ich sp├╝re einen Druck hinter den Augen. Ich w├╝rde gerne etwas lesen, damit ich auf andere Gedanken komme. Aber ich habe nichts. Die Polen haben ihre Zigaretten. Unter mir im Stockbett liegt ein Deutscher, der das alles hier wohl schon kennt. Auch er spricht nicht viel. Es gibt nichts zu reden, nichts zu sagen. Meine Gedanken besch├Ąftigen sich mit sich selbst. Drehen sich im Kreis.

Mein Haftbefehl. Es waren doch mehr als 12 Autos. Bei der 6. fehlt der Doppelpunkt. Der Typ ist genau so alt wie ich. Im selben Jahr geboren. Wer ist das blo├č? VE's Scherge mit dem er zusammengearbeitet hat, nachdem ich abgehauen bin. Was hat mir das gebracht abzuhauen? Die ganze Schei├če hat mich wieder eingeholt. Was ist mit VE?

Ein riesiger Schl├╝ssel wird in unsere T├╝r gesteckt. Das Schloss wird aufgeschlossen. Die Drehungen des Schl├╝ssels kann man als Schwingungen an der Wand wahrnehmen. ├ächzend ├Âffnet sich die T├╝r. Ein junger Farbiger wird hereingesto├čen.

"Da leg dich auf das Bett."

Die T├╝r geht wieder zu. Blaue Anstaltshose, wei├čes AnstaltsT-shirt. Angstvolle Augen blicken sich in der Zelle um. Auf den Armen hat er sein Bettzeug. Vor Stunden bin auch ich so in die Zelle gesto├čen worden. Wahrscheinlich musste er sich auch erst Duschen, wie ich vorhin. Ausziehen vor dem Beamten. Damit wollen sie wahrscheinlich sicher gehen, dass man nichts mit in die Anstalt schmuggelt, was nicht erlaubt ist. Waffen oder so. Er legt sein Bettzeug auf seinem Bett ab, setzt sich daneben. Starrt vor sich hin. Ich schaue ihn an. Warum mag er wohl hier sein? Er hebt seinen Kopf. Sieht mir in die Augen. Flehen. Er kommt n├Ąher. Schwingt sich auf mein Bett. Mein Blick war keine Einladung. Oder doch? Er riecht streng. Setzt sich so im Schneidersitz neben mich. Unsere Knie ber├╝hren sich.

"Can you tell me, ... what it means?.." Er reicht mir ein Papier. Es ist sein Haftbefehl. Amtsgericht Bad Homburg. Er sollte sich mit einem Pass auf einem Amt melden. Ist hier wegen Asyl. Ist mit einem falschen Pass gekommen. Oder zumindest nicht mit seinem eigenen. Ich versteh es auch nicht ganz. Asylvergehen. Irgendwelche Paragraphen. Wie bei mir. Wahrscheinlich werden sie ihn ausweisen. Das k├Ânnen sie mit mir nicht machen. Ich werde sitzen m├╝ssen.

"It was not your passport." "Sure it wasÔÇŽ" Er erkl├Ąrt mir etwas auf gebrochenem Englisch, als w├Ąre ich der Staatsanwalt und h├Ątte zu entscheiden. Ich h├Âre zu. Sonst habe ich ja nichts zu tun. Die Polen rauchen weiter in ihrem Rhythmus. Unter mir schl├Ąft der Deutsche. Er versucht zu schlafen. Irgendwann verl├Ąsst Paul mein Bett. Fast war er mir zuviel geworden. Es war eine Abwechslung. Aber er versucht sich an etwas, an jemandem festzuhalten und das ├Ąngstigt mich. Weil ich selbst Halt suche.

Ich schaue durch die Gitter. Es wird langsam dunkel. Paul, so hei├čt der Farbige, macht sein Bett. Die Namen der Polen und des Deutschen erfahre ich nicht. Sie sind nicht so freigiebig mit ihren Haftbefehlen. Paul setzt sich auf sein Bett. Er kann nicht ruhig sitzen. Mir kommt es vor, als w├╝rde er schwingen, auch wenn er sich gar nicht bewegt. Die Polen bewegen sich nicht. Rauchen nur. Beruhigt vom Nikotin liegen sie in ihren Betten. Von dem Deutschen unter mir h├Âre ich nichts. Er schl├Ąft oder tut so.

Da k├╝ndigen Ger├Ąusche schon den N├Ąchsten an. Hagerer Typ, wirres Haar. Fixer. "Da haben sie mich doch echt erwischt ... in der Taunusanlage, da haben sie gestanden ... mist das ich damit nicht gerechnet hab'." Er wirft sein Bettzeug auf seine Pritsche und geht r├╝ber zu den Polen. "Eh kann ich mir mal ne Zigarette von euch dreh'n ... Eh ich hab' nich' mal Tabak ... Eh schei├če jetzt zieh ich hier voll den Turkey ab und hab' nich' mal Tabak." Er setzt sich auf sein Bett. Raucht. Seine H├Ąnde zittern. Der Oberk├Ârper wippt hin und her. Die Zigarette raucht er auf, bis er sich fast die Finger verbrennt, dann macht er sie aus. Er schaut hin├╝ber zu den Polen. Sie sp├╝ren seinen Blick, machen aber die Augen nicht auf. Schnorren ist nicht mehr.

Er schaut zu mir her├╝ber. "Eh hast du Tabak?" "Ich rauche nicht." "Eh hast du's gut man ... wenn ich mir schon nichts dr├╝cken kann, brauch ich wenigstens Kippen ... ich wei├č gar nicht, was ich machen soll... vielleicht sollt' ich mein Armband verkaufen ... eh guck hier, dass ist echt Silber, da m├╝sst' ich doch was daf├╝r bekommen. M├╝sst' aber mindestens zwei Packungen und ne Bombe sein." "Was'n f├╝r 'ne Bombe?" " 'N Glas Instantkaffee ... sagt man hier so ... ist so was wie'n Zahlungsmittel, wenn du Einkauf kriegst, solltest du dir auf jeden Fall auch so was bestellen, kannst hier drin gute Gesch├Ąfte damit machen. Bestell dir auf jeden Fall 'ne Bombe und Tabak, so was ist hier immer gefragt. Hast du Geld einstecken gehabt, als du reingekommen bist?" "Ja." Das es viel Geld war sage ich lieber nicht, sonst will er mich noch adoptieren. "Ich nich'. Ich war vollkommen blank. Ich hab' meinen letzten Zehner f├╝r das Zeug ausgegeben, dass ich mir grad dr├╝cken wollt' ... kurz davor ham' sie mich dann geschnappt, schei├če das. Ich frag am besten den Hausarbeiter, ob er mir mein Silberkettchen abkauft. Aber ich will mindestens eine Packung Tabak daf├╝r haben. Ne, mindestens zwei." Er redet weiter w├Ąhrend er sein Bett bezieht. Ich bin froh, dass er mich in Ruhe l├Ąsst. Da hatte ich doch jetzt mehr Besch├Ąftigung als mir lieb war.

Grade lehne ich mich an die Wand, als ich wieder die Schwingungen des sich im Schloss drehenden Schl├╝ssels f├╝hle. Abendessen. Die T├╝r wird ge├Âffnet.

Jeder hat bei seiner Aufnahme ein Tablett bekommen. Es ist aus Stahl und da sind verschiedene Vertiefungen drin. Da kommt jetzt das Essen rein. Es gibt eine d├╝nne Suppe, Graubrot, Wei├čbrot und Tee.

Der Fixer quatscht den Hausarbeiter, einen Gefangenen der bei der Essensausgabe hilft, an. "Eh ... kannst du mir nicht Tabak verkaufen... Eh ich geb' dir die Armkette hier daf├╝r... Eh die is' echt Silber ... Eh ich will mindestens zwei Packungen daf├╝r." Der Beamte, der die T├╝r aufgeschlossen hat, ist schon zur n├Ąchsten Zelle weitergegangen. Es gibt ein kurzes Zeitfenster f├╝r dieses Gesch├Ąft. Der Hausarbeiter, ein T├╝rke, ist mit dem Gesch├Ąft einverstanden. Das Kettchen gegen zwei Packungen Tabak und Papers. Der Fixer ist entspannt. Der Hausarbeiter gl├╝cklich. Die T├╝r wieder zu.

"Eh das ist eigentlich viel zu wenig f├╝r das Kettchen ... du das ist echt Silber eh ... ich dreh' mir einfach ein zwei Ziggis und dann bekommt der seinen Tabak wieder." Als wir noch Tee nachbekommen gibt er dem anderen Hausarbeiter den Tabak wieder. Raucht dann in Ruhe seine Selbstgedrehten.

Ich klettere nach dem Abendessen wieder auf mein Bett, lehne mich an die Wand. Der erste Abend im Knast kommt. Alles hier kommt zur Ruhe. Jetzt kommt keiner mehr rein. Die T├╝ren werden bis zum morgen verschlossen. Ich kann mich nicht entspannen.

Ein Schlag an unserer T├╝r verbunden mit einem Schrei l├Ąsst mich hochschrecken. "A'schloch gib' mein' Kette raus ... gib' mein Tabak zur├╝ck." Der Fixer springt von seinem Bett auf. "Eh das musst du verstehen ... die Kette is' echt Silber ... die is' doch mehr wert als so'n bisschen Tabak ... eh jetzt beruhig dich doch mal wieder ... Eh es ist doch nichts passiert ... ich hab' mir nur ein paar gedreht ... und die eine Packung war schon angebrochen."

Wie bin ich hierher gekommen?

[Einblick] [Idee] [Buch] [Autor] [Zielgruppe] [Aufbau] [Probekapitel] [Kontakt]